"Schön, ich kennen gelernt zu haben!"

Wir fuhren einige Km mit dem Rad den Rhein entlang. Das Wetter war wundervoll. Wenn ich daran zurückdenke, erinnert es mich an einen durchschnittlichen Astrid Lindström Film. Strahlender Sonnenschein, weitläufige Landschaft, wehende Haare im Fahrtwind. Freiheit. Wir quatschten den ganzen Weg über. "Ich mache jetzt übrigens eine Therapie", schoss es völlig zusammenhanglos aus mir heraus. "Was für eine Therapie?", fragte meine Freundin, die ich nun schon einige Jahre kenne. So gut, dass sie mir in meine neue Stadt nachgefolgt ist.

Sie konnte ihren Blick gar nicht mehr auf den Weg richten, sondern starrte mich nahezu an. Ich erzählte ihr alles. "Und? Hälst du mich jetzt für bescheuert?" Sie hielt an. "Dazu kann ich nur sagen: Nein, auch du kennst mich nicht wirklich." Jetzt schaute ich mindestens genauso blöd, wie sie es zuvor getan hatte. Wir setzten uns auf eine Bank, wo wir die nächsten Stunden verbleiben sollten. Sie war bestens informiert über die Abläufe einer Therapie, denn sie selbst hatte seit einigen Jahren mit Panikattacken zu kämpfen. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Erst meine Schwester. Jetzt auch noch meine engste Freundin? Wie konnte das sein?

Sie redete ununterbrochen, verstand nicht, wie ich es so lange geheim halten konnte. Sie war immer neidisch darauf, dass ich vor keiner Herausforderung halt machte, bewunderte mich dafür, dass ich fröhlich durchs Leben ging ohne mir auch nur über irgendetwas Gedanken zu machen. Es scheint, als hätte ich meine Schauspielkünste perfektioniert.

Ich erzählte ihr, dass ich den ganzen Tag über nichts essen würde, nur um nicht mit anderen Menschen in der Kantine oder der Mensa an einem Tisch sitzen zu müssen. Sie sagte, dass es ihr genauso ginge und nannte als Beispiel den Tag, an dem sie die Eltern ihres ehemaligen Freundes kennenlernen sollte. Ich erinner mich noch daran, wie traurig ich damals war, dass so etwas - für mich - Undenkbares so normal für sie ist. Es war wohl alles andere als das.

Eine Zeit lang sagte niemand von uns etwas. In beiden Köpfen lief das Leben rückwärts. Wir versuchten krampfhaft nach Hinweisen zu suchen und fanden im Nachhinein einiges, was so offensichtlich und doch unbemerkt war. Beinah wäre eine Freundschaft daran zerbrochen. Sie hatte die Angewohnheit oft und gerne Verabredungen abzusagen. Kurzfristig. Grundlos. So dachte ich. Ein Jahr Funkstille war die Konsequenz, bis beide es nicht mehr aushielten.

"Schön, dich kennen gelernt zu haben!", sagte sie, als sie mich zuhause absetzte. "Ja, das fand ich auch.", antwortete ich und fragte mich den restlichen Tag über, wieso es so lange gedauert hatte, bis wir uns gegenseitig anvertrauen konnten. Wäre dieser spontane Ausflug nicht gewesen, wäre meine spontane Offenbarung nicht gewesen.. wir hätten uns nie kennengelernt.

2 Kommentare 29.3.12 23:12, kommentieren

Erste Fortschritte

Mein letzter Blogeintrag ist nun schon einige Tage oder gar Wochen her. Leider hab ich es nicht eher geschafft, obwohl ich soviel zu berichten gehabt hätte. Die letzten Klausuren haben mir nochmal alles abverlangt. Jetzt hab ich sie endlich hinter mir.Aber auch jetzt kann ich mich nur schwer aufraffen, da ich nach einem langen Vorlesungstag ganz schön geschlaucht bin. Nur möchte ich euch Folgendes nicht weiter vorenthalten, denn es hat sich einiges getan. Mittlerweile hab ich manchmal das Gefühl, die Therapie zeigt erste kleine Erfolge.

Gerade alles geschafft, ging heute der ganz normale Wahnsinn wieder von vorne los und obwohl ich heute Morgen dank eines wunderbaren Wochenendes noch sehr erholt war, fühlt es sich jetzt schon so an, als sei das Semester schon einige Wochen alt. Gleich in der ersten Vorlesung habe ich leider feststellen müssen, dass es mit der Anonymität im Hauptstudium scheinbar zuende ist. Frau Professor hat mich noch in den ersten 10 Min zu meiner Meinung befragt und bei der Gelegenheit gleich meinen Namen auswendig gelernt. Zu meiner eigenen Verwunderung, hab ich diese Situation unversehrt überstanden. Sie fand im Übrigen, dass ich so gar nicht nach meinem Nachnamen aussähe. Was sie damit meint, darüber kann man nur spekulieren. Ich sagte ihr ich hoffe, dass mich vielleicht irgendwann mal jemand heiraten werde, dann hieße ich anders.

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dieser "Zwischenfall" sei das Größte, was ich an diesem Tag als Erfolg verbuchen könnte. Aber da es so gut lief, lies ich mich gleich auf eine viel größeren Mutprobe ein. Ich habe mich spontan dazu entschlossen, ein Seminar, welches ich mir geschworen hatte auf gar keinen Fall zu belegen, doch noch mitzunehmen. Es würde auf Englisch sein, was auf mein erytrophobisch geschädigtes Hirn nicht gerade beruhigend wirkte. Aber aus irgendeinem Grund hatte ich plötzlich viele gute Argumente, es trotzdem zu tun.

Ich habe mich angemeldet und konnte direkt an der ersten Stunde teilnehmen. Um es kurz zu machen: Es war furchtbar. Und ich meine nicht mein Englisch. Aber ich habe es überlebt und hinterher mit einer Freundin herzlich darüber gelacht. Auch sie, die bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von meiner Kankheit wusste, berichtete, dass sie richtig bemerkte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg und sie sich einredete um Himmels willen bitte nicht rot zu werden. Der Unterschied zwischen ihr und mir: Man sah es ihr einfach nicht an.

Ich dachte, es sei der richtige Moment, ihr endlich von meinem Problem zu erzählen. Vielleicht würde sie dann in Zukunft ein wenig Rücksicht nehmen und nichts dazu sagen, wenn es mal wieder so weit ist. Ich nutzte die Gelegenheit bei einer Tasse Kaffee und sie reagierte absolut verständnisvoll, fast so, als wäre sie Teilzeiterythrophobikerin.

Ich bin ganz schön stolz, dass ich mich entschlossen hab, die Herausforderung anzunehmen. Nicht mehr rot zu werden, wird wohl ewig ein unerfüllbarer Traum bleiben, aber es zu akzeptieren und sein Leben nicht mehr von der Angst davor beeinflussen zu lassen, wird vielleicht eines Tages möglich sein.

1 Kommentar 26.3.12 22:46, kommentieren

Es ist Frühling!

Schon ein kleines bisschen Sonne lässt alle Sorgen vergessen und zeigt einem wieder wie schön das Leben sein kann.

1 Kommentar 15.3.12 21:06, kommentieren

weniger streng

Der große Shutdown ist nun eine Woche her. Ich habe mich zwischenzeitlich wieder beruhigt. Aber dieser Tag hat Spuren hinterlassen. Ich merke, wie ich mich jeden Tag mehr davor drücke, zur Arbeit zu gehen. Wenn überhaupt, gehe ich erst spät nachmittags, wenn der Großteil schon Feierabend gemacht hat. Wenn die Sonne bereits untergegangen und das Büro nicht mehr hell erleuchtet ist. Ich verstecke mich dann hinter meinem Bildschirm, schraube den Stuhl extra weit runter, auch wenn es total unbequem ist.

Diese Woche sieche ich förmlich vor mich hin. Ich starre gedankenversunken Luftlöcher in die Gegend. Ich bin genervt, müde, unglaublich traurig. Es ist erschreckend, wie selten ich die Tage gelacht habe. Es gibt nicht viel zu lachen zur Zeit. Ich bin tatsächlich depressiv. Ich unterliege Stimmungsschwankungen, die weit außerhalb dessen liegen, was ich bis hierhin unter Stimmungsschwankungen verstanden hab. Es gibt nur noch schwarz und weiß. Und das ist furchtbar anstrengend. Nicht nur für mich.

Zwischendurch hatte ich die Worte meiner Therapeutin im Kopf. Sie sagt immer "Seien Sie nicht so streng zu sich.". Das sind die Momente, in denen ich mir erlaube, mit meinem Hund im Park laufen zu gehen, anstatt die Wohnung aufzuräumen. Mit einer Freundin auf ein Konzert zu gehen, anstatt früh ins Bett zu gehen. Bei Facebook sinnlose posts zu kommentieren, anstatt mich auf meinen Lernstoff zu konzentrieren.

Aber hinterher geht es mir nur schlechter. Ich fühle mich als Versager. Weiß jetzt schon, dass ich meine nächste Klausur nicht packen werde. Es fühlt sich an wie immer. Mit 1,3 werde ich wieder gerade so durchgekommen sein und mir für die nächste Klausurphase vornehmen, lockerer an die Sache ranzugehen und nicht immer alles so eng zu sehen. Und wenn es soweit ist, kann ich mich an keines dieser Worte erinnern.

 

 

1 Kommentar 8.3.12 22:59, kommentieren

genug

Ich will mich erschiessen! Auf der Stelle! Wenn ich eine Waffe zuhause hätte.. heute würde ichs tun! Ich halte das nicht mehr aus.

1 Kommentar 1.3.12 17:05, kommentieren

Ich werde es auch schaffen!

Heute war meine sechste Sitzung. Meine Therapeutin fragte mich, ob es sich seither gebessert hätte. Keine Ahnung was auf diese Frage die richtige Antwort sein soll. Ich würde sagen nein. Hier und da hatte ich das Gefühl es würde seltener auftreten oder wenn, nicht mehr so heftig und auch nicht mehr solange. Dann gab es aber wieder vereinzelte Rückfalle, bei denen ich mich kaum auf dem Stuhl halten konnte.

Wir haben bisher auch nicht wirklich das eigentliche Problem aufgegriffen. Wir haben viel über mich gesprochen, über meine Kindheit, über wichtige Phasen des Lebens, über zwischenmenschliche Beziehungen. Es hat mir geholfen zu reflektieren, zu hinterfragen, über einige Dinge kritisch nachzudenken. Ich sehe mich nun aus drei Perspektiven. Ich sehe die, die sich gerade mit jemandem unterhält. Die, die vom Gegenüber aus auf mich schaut und mich beurteilt. Und die, die beide von außen neutral beobachtet und die Sache frei von Emotionen bewertet. Manchmal schubst die Dritte, die zweite beiseite. Das sind die Tage an denen ich mich gut fühle. Manchmal ist aber auch die zweite die stärkere.

Wir sind erst am Anfang der Geschichte. Ich werde der Sache eine Chance geben. Mein Hund ist mein Vorbild. Als er noch ein Welpe war, sind wir eine Straße weiter an einem Tor vorbei gegangen. Die Leute, die dort wohnen haben zwei Hunde, die wie wild angefangen haben zu kläffen. Seither hatte mein Hund ein psychisches Problem. Für kein Leckerlie der Welt wäre er nochmal freiwillig an diesem Tor vorbei gegangen. Er zog an der Leine, sprang auf die Straße, kratze wie wild mit den Pfoten auf dem Boden herum. Und siehe da: Übung macht den Meister. Es hat ein Jahr gedauert, aber heute gehe ich an dieser Stelle vorbei, als sei nie etwas gewesen. Er spaziert ruhig an meiner Seite am Tor vorbei. Ich habe ihn in kleinen Schritten und mit viel Geduld therapiert.

Genauso werde ich es auch machen. Und ich werde es auch schaffen.

 

 

1 Kommentar 28.2.12 18:02, kommentieren

"Das was Sie haben nennt man Agoraphobie."

Ich weiß echt nicht, was ich mir dabei gedacht hab, als ich einen Termin bei Hausarzt am Morgen nach Karneval vereinbart hatte, um endlich den Konsiliarbericht ausfüllen zu lassen. Naja, ich hätte ihn schon bei der letzten Sitzung abgegeben müssen und hatte meiner Therapeutin versprochen, ihn noch diese Woche in die Post zu schmeißen. Es bestätigt sich einfach immer wieder, dass Sachen aufschieben rein gar nichts bringt. Ich bin also direkt von der Polizeiwache, wo ich dummerweise mit ein paar Freunden die halbe Nacht verbringen mussten, da einige von uns beklaut wurden, direkt zum Arzt. Verkleidet, verranzt, verkatert.

Ich saß also da und wusste noch nicht genau, wie ich meinem Hausarzt erklären sollte, dass ich diesmal nicht wg einer Grippe da war. Ich hatte auch keine Alkoholvergiftung, auch wenn man das auf den ersten Blick hätte vielleicht annehmen können. Ich sprang erstmal auf und machte die Tür zu, damit nicht gleich der ganze Stadtteil von meinem Problem mitbekam. Man sollte meinen, dass das für gewöhnlich normal sei. Er erkannte ziemlich schnell, was er zu Papier bringen musste. Allerdings hatte das kein Stück mit dem zu tun, worunter ich seit Jahren litt.

Er kritzelte eine gefühlte Ewigkeit auf dem Bericht herum, hielt mir einen Kurzvortrag über Agoraphobie, leitete die Bedeutungs des Wortes her und verabschiedete mich kurzerhand wieder mit den Worten "Toll, find ich gut, dass sie das machen. Die Erkenntnis und Einsicht, dass man darunter leidet und der Entschluss, etwas dagegen zu tun, sind eine gute Kombi und Voraussetzung für den Erfolg! Ich wünsche Ihnen alles Gute!" Eh ja.

Ich hatte den Bericht in der Hand. Diagnose: Agoraphobie. Ich fragte mich, ob mein Arzt wohl dachte, ich hätte mich verkleidet und den Tag zuhause mit nem Kasten Bier vor dem Fernseher verbracht, um auf WDR die Prunksitzung zu gucken. Mit einer Agoraphobie würde man wohl kaum mit 10.000en Menschen auf dem Marktplatz Karneval feiern. Ich hatte mich wohl nicht deutlich genug ausgedrückt. Vielleicht wollte ich das auch gar nicht. Ich mein, er ist mein Hausarzt! Ich werde wohl nicht das letzte Mal bei ihm gewesen sein und habe wirklich keine Lust, dass er mich jedes Mal anstarrt, in der Erwartung, es mal live mitzuerleben.

Ich hoffe, die nicht ganz korrekte Diagnose wirkt sich nicht negativ auf die Entscheidung des Gutachters aus. Immerhin deckt sie sich nicht wirklich mit dem, was meine Therapeutin in ihrem Bericht wiedergeben wird. Aber mal ehrlich. Wie soll denn ein Mensch, der sich 2Min. Zeit für mein Problem nimmt, verstehen und zu Papier bringen, was in mir vorgeht, wenn ich es selbst nach so vielen Jahren nicht mal verstehe?

 

1 Kommentar 19.2.12 22:07, kommentieren