"Das was Sie haben nennt man Agoraphobie."

Ich weiß echt nicht, was ich mir dabei gedacht hab, als ich einen Termin bei Hausarzt am Morgen nach Karneval vereinbart hatte, um endlich den Konsiliarbericht ausfüllen zu lassen. Naja, ich hätte ihn schon bei der letzten Sitzung abgegeben müssen und hatte meiner Therapeutin versprochen, ihn noch diese Woche in die Post zu schmeißen. Es bestätigt sich einfach immer wieder, dass Sachen aufschieben rein gar nichts bringt. Ich bin also direkt von der Polizeiwache, wo ich dummerweise mit ein paar Freunden die halbe Nacht verbringen mussten, da einige von uns beklaut wurden, direkt zum Arzt. Verkleidet, verranzt, verkatert.

Ich saß also da und wusste noch nicht genau, wie ich meinem Hausarzt erklären sollte, dass ich diesmal nicht wg einer Grippe da war. Ich hatte auch keine Alkoholvergiftung, auch wenn man das auf den ersten Blick hätte vielleicht annehmen können. Ich sprang erstmal auf und machte die Tür zu, damit nicht gleich der ganze Stadtteil von meinem Problem mitbekam. Man sollte meinen, dass das für gewöhnlich normal sei. Er erkannte ziemlich schnell, was er zu Papier bringen musste. Allerdings hatte das kein Stück mit dem zu tun, worunter ich seit Jahren litt.

Er kritzelte eine gefühlte Ewigkeit auf dem Bericht herum, hielt mir einen Kurzvortrag über Agoraphobie, leitete die Bedeutungs des Wortes her und verabschiedete mich kurzerhand wieder mit den Worten "Toll, find ich gut, dass sie das machen. Die Erkenntnis und Einsicht, dass man darunter leidet und der Entschluss, etwas dagegen zu tun, sind eine gute Kombi und Voraussetzung für den Erfolg! Ich wünsche Ihnen alles Gute!" Eh ja.

Ich hatte den Bericht in der Hand. Diagnose: Agoraphobie. Ich fragte mich, ob mein Arzt wohl dachte, ich hätte mich verkleidet und den Tag zuhause mit nem Kasten Bier vor dem Fernseher verbracht, um auf WDR die Prunksitzung zu gucken. Mit einer Agoraphobie würde man wohl kaum mit 10.000en Menschen auf dem Marktplatz Karneval feiern. Ich hatte mich wohl nicht deutlich genug ausgedrückt. Vielleicht wollte ich das auch gar nicht. Ich mein, er ist mein Hausarzt! Ich werde wohl nicht das letzte Mal bei ihm gewesen sein und habe wirklich keine Lust, dass er mich jedes Mal anstarrt, in der Erwartung, es mal live mitzuerleben.

Ich hoffe, die nicht ganz korrekte Diagnose wirkt sich nicht negativ auf die Entscheidung des Gutachters aus. Immerhin deckt sie sich nicht wirklich mit dem, was meine Therapeutin in ihrem Bericht wiedergeben wird. Aber mal ehrlich. Wie soll denn ein Mensch, der sich 2Min. Zeit für mein Problem nimmt, verstehen und zu Papier bringen, was in mir vorgeht, wenn ich es selbst nach so vielen Jahren nicht mal verstehe?

 

19.2.12 22:07

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