Erste Fortschritte

Mein letzter Blogeintrag ist nun schon einige Tage oder gar Wochen her. Leider hab ich es nicht eher geschafft, obwohl ich soviel zu berichten gehabt hätte. Die letzten Klausuren haben mir nochmal alles abverlangt. Jetzt hab ich sie endlich hinter mir.Aber auch jetzt kann ich mich nur schwer aufraffen, da ich nach einem langen Vorlesungstag ganz schön geschlaucht bin. Nur möchte ich euch Folgendes nicht weiter vorenthalten, denn es hat sich einiges getan. Mittlerweile hab ich manchmal das Gefühl, die Therapie zeigt erste kleine Erfolge.

Gerade alles geschafft, ging heute der ganz normale Wahnsinn wieder von vorne los und obwohl ich heute Morgen dank eines wunderbaren Wochenendes noch sehr erholt war, fühlt es sich jetzt schon so an, als sei das Semester schon einige Wochen alt. Gleich in der ersten Vorlesung habe ich leider feststellen müssen, dass es mit der Anonymität im Hauptstudium scheinbar zuende ist. Frau Professor hat mich noch in den ersten 10 Min zu meiner Meinung befragt und bei der Gelegenheit gleich meinen Namen auswendig gelernt. Zu meiner eigenen Verwunderung, hab ich diese Situation unversehrt überstanden. Sie fand im Übrigen, dass ich so gar nicht nach meinem Nachnamen aussähe. Was sie damit meint, darüber kann man nur spekulieren. Ich sagte ihr ich hoffe, dass mich vielleicht irgendwann mal jemand heiraten werde, dann hieße ich anders.

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dieser "Zwischenfall" sei das Größte, was ich an diesem Tag als Erfolg verbuchen könnte. Aber da es so gut lief, lies ich mich gleich auf eine viel größeren Mutprobe ein. Ich habe mich spontan dazu entschlossen, ein Seminar, welches ich mir geschworen hatte auf gar keinen Fall zu belegen, doch noch mitzunehmen. Es würde auf Englisch sein, was auf mein erytrophobisch geschädigtes Hirn nicht gerade beruhigend wirkte. Aber aus irgendeinem Grund hatte ich plötzlich viele gute Argumente, es trotzdem zu tun.

Ich habe mich angemeldet und konnte direkt an der ersten Stunde teilnehmen. Um es kurz zu machen: Es war furchtbar. Und ich meine nicht mein Englisch. Aber ich habe es überlebt und hinterher mit einer Freundin herzlich darüber gelacht. Auch sie, die bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von meiner Kankheit wusste, berichtete, dass sie richtig bemerkte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg und sie sich einredete um Himmels willen bitte nicht rot zu werden. Der Unterschied zwischen ihr und mir: Man sah es ihr einfach nicht an.

Ich dachte, es sei der richtige Moment, ihr endlich von meinem Problem zu erzählen. Vielleicht würde sie dann in Zukunft ein wenig Rücksicht nehmen und nichts dazu sagen, wenn es mal wieder so weit ist. Ich nutzte die Gelegenheit bei einer Tasse Kaffee und sie reagierte absolut verständnisvoll, fast so, als wäre sie Teilzeiterythrophobikerin.

Ich bin ganz schön stolz, dass ich mich entschlossen hab, die Herausforderung anzunehmen. Nicht mehr rot zu werden, wird wohl ewig ein unerfüllbarer Traum bleiben, aber es zu akzeptieren und sein Leben nicht mehr von der Angst davor beeinflussen zu lassen, wird vielleicht eines Tages möglich sein.

26.3.12 22:46

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Klaus (5.5.12 11:48)
Hallo Ruby,

heute bin per Zufall auf Deinen Blogg gekommen. Er gefällt mir sehr gut. Ich leide an der gleichen Sache; seit ca. 35 Jahren... 180 Stunden Therapie haben fast garnicht geholfen.
Zu Deinem Blogg "Erste Fortschritte" kann ich einen zutreffenden Satz schreiben: Gute Zeiten und schlechte Zeiten. Mir geht es auch so, dass ich Momente habe, in denen ich nicht erröte. Sich daran hochzuziehen ist gut, aber beim nächsten kleinen Rückschlag fängst man quasi wieder von vorn an.
Wünsche Dir ein schönes WE. Bis bald

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