Selbstpräsentation

Seit Monaten dachte ich jeden Tag mindestens einmal daran. Seit einer Woche konnte ich nicht mehr schlafen. Und wenn ich schlief, träumte ich mir die schlimmsten Szenarien zusammen, die möglicherweise hätten eintreten können. Ich musste am Wochenende verpflichtend an einem Seminar teilnehmen, bei dem es um die berufliche Selbstpräsentation ging. Höllenqualen für jeden Erythrophobiker. Wie ich muss fühlte, muss ich glaube ich nicht weiter beschreiben. Ich bereitete mich gut vor. Stand früh genug auf, um nicht bereits gestresst dort anzukommen. Zog Sachen an, in denen in mich wohlfühlte und ich versuchte meine Stimmung oben zu halten. Ich redete mir ein, dass ich das Paroxetin nun schon eine Weile nahm und es allmählich wirken musste. Zur Sicherheit gabs noch ein paar Rescuetropfen ins Mineralwasser. Ich machte von vornherein mit, um bereits vorher schon "aufzufallen" und die Anspannung bis zum Vortrag zu lösen. Ich präsentierte freiwillig die Gruppenergebnisse, weil ich dachte, dass dies bereits als Vortragsleistung gewertet wurde, was leider nicht der Fall war. Ich durfte also ein zweites Mal ran. Ich hatte eine halbe St Zeit meinen Vortrag vorzubereiten. Stress pur. Bei einer normalen Vortragssituation hat man in der Regel mehrere Tage Zeit in denen man sich überlegen kann, wie man etwas macht und was man sagt. Improvisation war gefragt. Also stand ich da. Es ging los. Wie fanden sie sich? Fragte die Dozentin. Ich war sehr nervös, was die Gruppe wahrscheinlich gemerkt hat. Meine Stimme hat sich überschlagen, gegen Ende bin ich ein wenig schnell geworden, im großen und ganzen bin ich froh, dass es vorbei ist. Zu diesem Zeitpunkt merkte ich die Hitze in meinem Gesicht. Es war ausnahmsweise mal angenehm. Kein plötzlicher Schwall der aus der Bauchmitte kam. Es war einfach eine Aufregung. Keine Angst. Die Gruppe bekam das Wort. Ich wusste die Kritik würde mich zerreisen. Aber zu meinem Erstaunen bemerkte keiner, dass ich nervös gewesen war. Ich hatte eine Präsentation gebracht, die für die kurze Zeit sehr strukturiert, interessant und schlüssig gewesen war. Ich hatte einen festen Stand, zappelte nicht rum, hätte die Zeit lediglich etwas mehr ausreizen können. Meine Stimme? Klar. Deutlich. Zittrig? Hat angeblich niemand bemerkt. Roter Kopf? Traute sich niemand, den zu erwähnen? Wow, ich strahlte und konnte nicht glauben, was ich hörte bzw. was ich eben nicht hörte. Später konnte ich miterleben, wie auch andere von sich sagten, sie wären super nervös gewesen, hätten ihre Stimme zittern gehört. Angekommen ist davon nichts. Vielleicht ist die Selbstwahrnehmung tatsächlich erbarmungsloser, als die Realität. Ich bin als Wrack in die Situation reingegangen und komme als gestärkte Person wieder heraus. Mit Sympathie werden einem wohl auch ein paar rote Flecken verziehen. Denn sie waren da, wie ich anschließend in einem Gespräch beiläufig erfuhr. Aber wie es scheint, sind sie nicht einmal erwähnenswert gewesen. Ich kann es also auch mit ein paar Flecken zu etwas bringen.

18.6.12 12:38

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